Ich spüre nicht, wann ich muss – Leben ohne Vorwarnung

 

Ich spüre nicht, wann ich muss – Leben ohne Vorwarnung

„Merkst du denn gar nicht, wenn du auf Toilette musst?“

Diese Frage bekomme ich tatsächlich ziemlich häufig gestellt. Und meine Antwort darauf ist ganz einfach:

Nein. Ich spüre es nicht.

Weder meine Blase noch mein Darm geben mir vorher Bescheid. Da kommt kein Druck, kein Ziehen, kein „Du solltest langsam mal eine Toilette suchen“. Es passiert einfach.

Und genau das ist wahrscheinlich einer der Punkte an meiner Inkontinenz, den sich viele Menschen nur schwer vorstellen können.

Wer keine Inkontinenz hat, kennt es normalerweise so: Irgendwann meldet sich die Blase. Man merkt, dass man auf Toilette muss. Vielleicht kann man noch zehn Minuten warten, vielleicht auch eine Stunde. Aber man bekommt zumindest eine Warnung.

Bei mir gibt es diese Warnung nicht.

Es passiert einfach

Wenn meine Blase sich entleert, dann merke ich vorher nichts davon. Ich kann gerade auf der Couch sitzen, unterwegs sein, einkaufen, mit jemandem reden oder ein Video drehen.

Irgendwann ist die Windel einfach nass.

Beim Darm ist es im Grunde genauso. Auch da bekomme ich nicht vorher das Signal: „Pass auf, da kommt gleich was.“

Es geht einfach in die Windel.

Das klingt ziemlich direkt – aber genau so ist es nun einmal. Und wenn ich hier auf meinem Blog über Inkontinenz spreche, dann möchte ich die Dinge auch so beschreiben, wie sie wirklich sind.

„Aber merkst du denn nicht wenigstens, dass es passiert ist?“

Das kommt darauf an.

Natürlich kann ich irgendwann merken, dass meine Windel voller wird oder sich anders anfühlt. Beim Stuhl kommt zusätzlich irgendwann der Geruch dazu.

Aber das Entscheidende ist:

Ich kann vorher nicht reagieren.

Ich kann nicht sagen: „Okay, ich habe jetzt noch fünf Minuten Zeit, bis ich eine Toilette brauche.“

Diese fünf Minuten gibt es bei mir nicht.

Und deshalb funktioniert mein Alltag auch anders als bei jemandem, der vielleicht eine leichte Inkontinenz hat und noch einen gewissen Harndrang oder Stuhldrang spürt.

Deshalb gehört Vorbereitung für mich einfach dazu

Wenn ich das Haus verlasse, nehme ich meine Tasche mit.

Da sind Ersatzprodukte drin, Feuchttücher, Reinigungssachen, Cremes und meistens auch Ersatzkleidung.

Nicht weil ich ständig darüber nachdenke, dass etwas passieren könnte.

Ganz im Gegenteil.

Diese Vorbereitung sorgt dafür, dass ich nicht ständig darüber nachdenken muss.

Ich weiß: Wenn etwas passiert, habe ich alles dabei.

Meine Tasche gehört deshalb inzwischen genauso selbstverständlich zu meinem Alltag wie Schlüssel, Handy oder Geldbeutel.

Kontrollieren statt spüren

Da ich mich nicht auf mein Körpergefühl verlassen kann, muss ich mich auf Erfahrung und Routine verlassen.

Ich weiß ungefähr, wie lange meine Produkte normalerweise halten. Ich weiß, in welchen Situationen ich lieber einmal früher kontrolliere. Und natürlich lernt man mit den Jahren auch seinen eigenen Alltag ziemlich gut kennen.

Trotzdem gibt es keine hundertprozentige Sicherheit.

Ein Produkt kann verrutschen. Es kann einen Materialfehler haben. Vielleicht habe ich mehr getrunken als sonst. Vielleicht spielt der Darm an diesem Tag einfach verrückt.

Und dann kann eben auch mal etwas auslaufen.

Das gehört leider dazu.

Die Frage, die ich selbst spannend finde

Vor Kurzem habe ich eine Frage bekommen, über die ich tatsächlich länger nachdenken musste:

„Wenn du für genau einen Tag wieder spüren könntest, wann du auf Toilette musst – würdest du das wollen?“

Im ersten Moment denkt man wahrscheinlich: Natürlich!

Aber meine Antwort wäre tatsächlich:

Nein.

Zum einen wäre es nur für einen einzigen Tag.

Und zum anderen kann ich mich kaum noch daran erinnern, wie sich dieses Gefühl überhaupt anfühlt.

Nach so vielen Jahren ist mein jetziger Zustand für mich normal geworden.

Für einen Tag plötzlich wieder jedes Signal der Blase und des Darms wahrzunehmen und am nächsten Morgen wäre alles wieder weg?

Ich glaube, das würde mich eher durcheinanderbringen als mir etwas geben.

Wenn ich die Wahl hätte, dauerhaft wieder eine normale Kontrolle zu bekommen, wäre das natürlich eine völlig andere Frage.

Aber nur für einen Tag?

Nein.

Man gewöhnt sich an Dinge, die sich andere kaum vorstellen können

Das klingt vielleicht komisch, aber Inkontinenz ist für mich inzwischen Alltag.

Natürlich gibt es Situationen, die nerven.

Eine ausgelaufene Windel nachts. Wechseln unterwegs. Ein Produkt, das nicht richtig sitzt. Ein Darm, der genau dann macht, was er will, wenn es gerade überhaupt nicht passt.

Aber ich stehe morgens nicht auf und denke:

„Mist, ich bin inkontinent.“

Ich stehe auf und lebe meinen Tag.

Die Windel, die Pflege und die Wechsel gehören eben dazu.

Und vielleicht ist genau das etwas, das ich mit diesem Blog zeigen möchte:

Man kann mit Inkontinenz leben. Und irgendwann wird aus etwas, das am Anfang riesengroß erscheint, einfach ein Teil des ganz normalen Alltags.

Mich würde deshalb interessieren:

Wie ist das bei euch? Spürt ihr noch, wann ihr auf Toilette müsst, oder bekommt ihr ebenfalls keine Vorwarnung? Und wie organisiert ihr euren Alltag damit?

Schreibt es gerne in die Kommentare – natürlich nur so offen, wie ihr selbst möchtet.

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