Inkontinenz und Schwerbehinderung in der Partnerschaft – kann Liebe trotzdem funktionieren?
„Ich könnte das nicht.“
Diesen Satz lese ich immer wieder unter meinen Videos, wenn ich über Inkontinenz, Behinderung und Partnerschaft spreche.
Und ganz ehrlich: Manchmal macht mich dieser Satz traurig.
Nicht, weil ich nicht unglaublich dankbar für meine Frau wäre. Im Gegenteil. Ich bin sehr froh, dass sie an meiner Seite ist, und ich bin stolz darauf, was wir gemeinsam aufgebaut haben.
Aber wenn Menschen schreiben: „Boah, ich könnte das nicht. Deine Frau ist echt toll“, steckt darin für mich manchmal noch etwas anderes. Nämlich die Vorstellung, dass eine Beziehung mit einem inkontinenten oder schwerbehinderten Menschen eigentlich kaum funktionieren kann.
Und genau darüber möchte ich sprechen.
Wie ist Inkontinenz eigentlich in einer Partnerschaft?
Die kurze Antwort lautet: Anders – aber nicht automatisch schlechter.
Natürlich verändert Inkontinenz bestimmte Dinge im Alltag. Bei mir bedeutet sie beispielsweise, dass ich nicht einfach auf die Toilette gehen kann, wenn ich das Bedürfnis habe. Ich habe kein normales Gefühl mehr dafür und muss deshalb mit Inkontinenzprodukten und festen Routinen arbeiten.
Das bedeutet mehr Planung.
Wenn wir unterwegs sind, muss ich überlegen, was ich brauche, wo ich wechseln kann und wie ich meinen Tag entsprechend organisiere.
Aber verändert das meine Persönlichkeit?
Nein.
Verändert es meinen Charakter?
Nein.
Verändert es meine Fähigkeit zu lieben?
Ebenfalls nein.
Und genau das wird meiner Meinung nach manchmal vergessen.
Eine Behinderung oder Inkontinenz ist ein Teil eines Menschen. Sie ist aber nicht der gesamte Mensch.
Meine Frau und ich
Meine Frau und ich kannten uns bereits, als ich 16 Jahre alt und noch gesund war. Später haben wir uns wieder kennengelernt und sind schließlich erneut zusammengekommen.
Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits krank.
Für mich war die Situation trotzdem mit vielen Fragen verbunden. Wie wird sie damit umgehen? Was wird sie denken? Wird sie mich noch genauso sehen?
Für meine Frau war es letztendlich überhaupt kein großes Thema.
Null.
Sie hat keine Berührungsängste und unterstützt mich, wenn es mir gesundheitlich schlecht geht. Ich habe gute Tage, an denen es mir richtig gut geht, aber auch Tage, an denen ich ziemlich angeschlagen bin.
Und dann ist sie für mich da.
Nicht, weil sie dazu verpflichtet ist.
Sondern weil wir Partner sind.
Die größte Hürde ist oft der eigene Kopf
Wenn man frisch von einer Behinderung oder Inkontinenz betroffen ist und vielleicht wieder auf Partnersuche gehen möchte, kann ich die Ängste sehr gut verstehen.
Man fragt sich:
Wann erzähle ich es?
Was denkt die andere Person?
Findet sie mich noch attraktiv?
Wird sie mich ablehnen?
Kann überhaupt jemand mit meiner Situation umgehen?
Ich glaube, viele Betroffene machen sich darüber unglaublich viele Gedanken.
Und genau da liegt eine große Gefahr: Man baut sich im eigenen Kopf bereits eine riesige Mauer auf, bevor überhaupt etwas passiert ist.
Man denkt darüber nach, wie der andere reagieren könnte.
Und irgendwann fühlt sich diese mögliche Reaktion wie eine Tatsache an.
Dabei weiß man es überhaupt nicht.
Ich bin relativ offen und habe meiner Frau damals ziemlich schnell erzählt, was sich bei mir gesundheitlich verändert hatte. Aber das muss natürlich nicht jeder genauso machen.
Ihr müsst beim ersten Kennenlernen nicht sofort eure komplette Krankengeschichte auf den Tisch legen.
Lernt euch kennen.
Schaut, ob ihr euch versteht.
Findet heraus, ob es zwischen euch passt.
Und wenn Vertrauen und Gefühle entstehen, kommt irgendwann der Moment, an dem man darüber sprechen kann.
Natürlich kann es passieren, dass jemand damit nicht umgehen kann.
Das möchte ich gar nicht schönreden.
Aber dann bedeutet das nicht, dass niemand damit umgehen kann.
Es bedeutet lediglich, dass dieser eine Mensch nicht der richtige war.
Was verändert sich für den Partner tatsächlich?
Eine Frage, die mir häufig gestellt wird, ist:
„Aber was bedeutet deine Inkontinenz denn konkret für deine Frau?“
Natürlich gibt es Veränderungen.
Es gibt mehr Planung. Wir müssen unterwegs manchmal überlegen, wo ich wechseln kann. Ich habe meine Routinen und meine Hilfsmittel.
Und ja, natürlich kann es auch einmal einen Unfall geben.
Gerade nachts kann es passieren, dass etwas daneben geht oder unangenehm riecht.
Aber wisst ihr was?
Dann ist das eben so.
Ich stehe auf, kümmere mich darum, wechsle mich und mache weiter.
Durch meine Routinen bekommt meine Frau viele dieser Situationen im Alltag sogar gar nicht mit.
Mein Leben besteht schließlich nicht ausschließlich aus meiner Inkontinenz.
Wir reden miteinander, wir lachen miteinander, wir unternehmen Dinge und wir führen unsere Beziehung.
Und was ist mit Sexualität?
Auch diese Frage bekomme ich häufig.
„Wie funktioniert Sex mit Inkontinenz und Schwerbehinderung?“
Meine Antwort darauf ist ziemlich einfach:
So ähnlich wie bei jedem anderen Paar auch.
Natürlich kann die Vorbereitung etwas anders aussehen. Man muss bestimmte Dinge berücksichtigen und vielleicht etwas mehr planen.
Aber Sexualität verschwindet nicht automatisch, nur weil jemand inkontinent oder schwerbehindert ist.
Und wenn doch einmal etwas nicht nach Plan läuft?
Dann läuft es eben nicht nach Plan.
Wir haben darüber einen offenen Umgang und auch Humor.
Denn manchmal hilft genau das: Nicht jede Situation zu einer Katastrophe zu machen.
Der richtige Partner macht den Unterschied
Ich glaube nicht, dass man behaupten kann, Inkontinenz sei in einer Beziehung gar kein Problem.
Natürlich kann sie Herausforderungen mit sich bringen.
Aber eine Herausforderung bedeutet nicht automatisch das Ende einer Beziehung.
Für mich ist entscheidend, wie zwei Menschen miteinander umgehen.
Kann man offen miteinander reden?
Kann man sich gegenseitig unterstützen?
Kann man auch über unangenehme Dinge sprechen?
Kann man gemeinsam lachen?
Und vor allem: Sieht man den Menschen oder nur seine Erkrankung beziehungsweise Behinderung?
Meine Frau sieht mich.
Nicht meine Inkontinenz.
Nicht meine Schwerbehinderung.
Nicht meine gesundheitlichen Baustellen.
Sondern mich.
Und genau das wünsche ich jedem Menschen, der gerade Angst davor hat, nach einer Erkrankung oder Behinderung wieder eine Beziehung einzugehen.
Wenn du gerade betroffen bist
Falls du selbst inkontinent geworden bist und denkst:
„Mich wird sowieso niemand mehr wollen.“
Dann möchte ich dir etwas mitgeben:
Du kannst nicht wissen, wie ein zukünftiger Partner reagieren wird.
Bitte nimm ihm diese Entscheidung nicht schon vorher ab.
Du bist nicht weniger liebenswert, nur weil dein Körper nicht mehr so funktioniert wie früher.
Du bist nicht weniger attraktiv.
Du bist nicht weniger wert.
Und du bist nicht automatisch dazu verdammt, alleine zu bleiben.
Ich bin kein Beweis dafür, dass jede Beziehung mit Inkontinenz funktioniert.
Aber ich bin ein Beweis dafür, dass es funktionieren kann.
Und vielleicht ist genau das die Botschaft, die manche Betroffene gerade brauchen.
Jetzt interessiert mich eure Meinung
Wie seht ihr das?
Wenn ihr selbst mit einem Menschen mit Inkontinenz oder Behinderung zusammen seid: Wie erlebt ihr das im Alltag?
Und wenn ihr nicht betroffen seid:
Wäre Inkontinenz für euch ein Problem in einer Beziehung?
Noch spannender finde ich eine andere Frage:
Ihr seid seit vier Jahren mit eurem Partner zusammen. Alles läuft gut. Dann passiert ein Unfall oder eine Erkrankung und euer Partner wird plötzlich inkontinent und schwerbehindert.
Würdet ihr bleiben?
Oder wäre das für euch ein Grund, die Beziehung zu beenden?
Ich bin wirklich gespannt auf eure ehrlichen Antworten.
Denn genau solche Gespräche können dabei helfen, Tabus zu brechen und Menschen zu zeigen: Auch mit Inkontinenz, Behinderung und Krankheit kann ein erfülltes Leben – und eine erfüllte Partnerschaft – möglich sein.
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