Warum ist Inkontinenz eigentlich immer noch so ein Tabuthema?
Über Beziehungen sprechen wir. Über psychische Gesundheit inzwischen zum Glück auch immer häufiger. Selbst über viele Krankheiten, die früher kaum jemand offen erwähnt hätte, wird heute öffentlich gesprochen.
Aber sobald es um Blase oder Darm geht, wird es plötzlich still.
Warum eigentlich?
Ich lebe selbst mit Inkontinenz. Deshalb ist diese Frage für mich keine theoretische. Sie betrifft meinen Alltag, meinen Körper und Situationen, über die andere Menschen vielleicht nie nachdenken müssen.
Und manchmal frage ich mich wirklich: Warum fällt es uns noch immer so schwer, darüber zu sprechen?
Wenn Blase und Darm plötzlich peinlich werden
Urin und Stuhl gehören zu unserem Körper. Jeder Mensch muss zur Toilette. Eigentlich könnte es kaum etwas Normaleres geben.
Und trotzdem lernen wir schon früh, dass Ausscheidungen etwas Privates sind. Etwas, worüber man möglichst nicht spricht. Funktioniert alles wie erwartet, fällt das meistens gar nicht auf.
Schwierig wird es, wenn der eigene Körper sich nicht an diese gesellschaftlichen Regeln hält.
Wenn Urin oder Stuhl nicht immer kontrolliert werden können, geht es plötzlich nicht mehr nur um eine körperliche Funktion. Es kommen Scham, Unsicherheit und die Angst vor den Reaktionen anderer dazu.
Was, wenn jemand etwas bemerkt?
Was, wenn etwas sichtbar wird?
Was, wenn jemand einen Geruch wahrnimmt?
Was denken die anderen über mich?
Solche Gedanken können einen viel stärker beschäftigen, als Außenstehende vielleicht vermuten.
Inkontinenz betrifft echte Menschen
Wenn über Inkontinenz gesprochen wird, klingt das manchmal sehr medizinisch: Harninkontinenz, Stuhlinkontinenz, Hilfsmittel, Versorgung, Behandlungsmöglichkeiten.
All das ist wichtig.
Aber hinter diesen Begriffen stehen Menschen.
Menschen, die arbeiten gehen. Menschen, die Freunde treffen möchten. Die reisen, einkaufen, feiern, Beziehungen führen oder einfach spontan das Haus verlassen möchten.
Menschen wie ich.
Inkontinenz verschwindet schließlich nicht automatisch, sobald man die Haustür hinter sich schließt. Sie kann mitkommen zum Einkaufen, zu einem Treffen, auf Reisen oder zu einer Veranstaltung.
Und manchmal bedeutet das, Dinge vorauszuplanen, die für andere völlig selbstverständlich sind.
Wo ist die nächste Toilette?
Habe ich alles dabei, was ich brauche?
Was mache ich, wenn etwas danebengeht?
Kann ich mich irgendwo zurückziehen?
Diese Seite von Inkontinenz sieht man von außen häufig nicht.
Vielleicht ist nicht die Inkontinenz das größte Tabu – sondern unsere Vorstellung davon
Ich glaube, ein Teil des Problems liegt darin, welches Bild wir mit Inkontinenz verbinden.
Kontrolle über Blase und Darm gilt als selbstverständlich. Wer diese Kontrolle nicht oder nicht vollständig hat, passt plötzlich nicht mehr in diese Vorstellung.
Dabei sagt Inkontinenz nichts darüber aus, was für ein Mensch jemand ist.
Sie macht einen Menschen nicht weniger selbstständig, weniger liebenswert, weniger attraktiv oder weniger wertvoll.
Und trotzdem kann genau diese Angst entstehen: anders gesehen zu werden, sobald andere davon wissen.
Vielleicht schweigen deshalb so viele.
Nicht unbedingt, weil sie selbst glauben, dass Inkontinenz etwas ist, wofür man sich schämen müsste – sondern weil sie nicht wissen, wie andere darauf reagieren.
Auch über Stuhlinkontinenz müssen wir sprechen
Schon Harninkontinenz ist für viele ein schwieriges Thema. Bei Stuhlinkontinenz scheint die Hemmschwelle oft noch einmal größer zu sein.
Allein das Wort auszusprechen, kann sich ungewohnt anfühlen.
Aber wenn wir bestimmte Formen von Inkontinenz aus unserer öffentlichen Kommunikation ausklammern, verschwinden die betroffenen Menschen nicht.
Sie werden nur unsichtbarer.
Deshalb gehört für mich auch Stuhlinkontinenz zu diesem Gespräch.
Nicht, um intime Situationen unnötig öffentlich zu machen. Niemand muss persönliche Details erzählen, die er für sich behalten möchte.
Aber wir sollten zumindest eine Gesellschaft schaffen, in der jemand darüber sprechen kann, ohne Angst haben zu müssen, ausgelacht, angeekelt angesehen oder auf seine Inkontinenz reduziert zu werden.
Offen darüber zu sprechen verändert etwas
Ich kann das Tabu rund um Inkontinenz nicht alleine abschaffen.
Aber ich kann darüber sprechen.
Ich kann zeigen: Ja, ich lebe mit Inkontinenz.
Und gleichzeitig besteht mein Leben aus so viel mehr als daraus.
Vielleicht sorgt Offenheit nicht sofort dafür, dass Scham verschwindet. Vielleicht verändert ein einzelner Beitrag auch nicht die Gesellschaft.
Aber jedes offene Gespräch kann ein kleines Stück Normalität schaffen.
Vielleicht liest jemand meine Worte und merkt zum ersten Mal:
Ich bin damit nicht allein.
Und vielleicht denkt jemand anderes beim nächsten Mal zweimal nach, bevor er einen Witz über Inkontinenz macht oder einen Menschen dafür verurteilt.
Das wäre bereits etwas.
Warum ist Inkontinenz also immer noch ein Tabuthema?
Vielleicht wegen Scham.
Vielleicht aus Angst vor den Reaktionen anderer.
Vielleicht weil Blase und Darm in unserer Gesellschaft grundsätzlich Themen sind, über die wir möglichst wenig sprechen.
Und vielleicht auch einfach deshalb, weil viel zu lange zu wenige Menschen offen darüber gesprochen haben.
Genau das können wir ändern.
Nicht indem jeder seine intimsten Momente öffentlich erzählen muss.
Sondern indem Inkontinenz etwas sein darf, über das gesprochen werden kann.
Ohne Tuscheln.
Ohne abwertende Blicke.
Ohne Scham.
Ich lebe mit Inkontinenz. Sie gehört zu meinem Leben – aber sie ist nicht mein ganzes Leben.
Und deshalb möchte ich darüber sprechen.
Wie seht ihr das: Warum ist Inkontinenz für unsere Gesellschaft noch immer so ein großes Tabuthema?
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