Wenn gerade nichts funktioniert – und mein Kopf nicht mehr hinterherkommt

Seit ungefähr vier Wochen geht bei mir einiges drunter und drüber.

Und nein, diesmal meine ich damit nicht nur meine Harn- und Stuhlinkontinenz. Die ist da, jeden Tag, und natürlich beeinflusst sie meinen Alltag. Aber momentan kommen einfach mehrere Dinge gleichzeitig zusammen.

Um zu erklären, warum mich das gerade so beschäftigt, muss ich ein bisschen weiter ausholen.

Mein Rücken erinnert mich regelmäßig an meine Geschichte

Ich hatte sieben Bandscheibenvorfälle und zwei Wirbelbrüche. Durch diese Verletzungen entstand unter anderem mein inkompletter Querschnitt.

Dass mein Rücken also nicht unbedingt mein bester Freund ist, dürfte niemanden überraschen.

Ich habe immer wieder Phasen mit Rückenproblemen. Vor Kurzem waren die Schmerzen allerdings so stark, dass ich sogar im Krankenhaus war. Einfach um sicherzugehen, dass nicht wieder irgendetwas kaputt ist.

Zum Glück war das nicht der Fall.

Aber die Schmerzen waren und sind trotzdem da.

Und sie schränken mich momentan stärker ein, als mir lieb ist.

Ich bin DJ und lege unter anderem auf TikTok auf. Das mache ich bereits im Sitzen. Eigentlich sollte man denken: Das müsste doch gehen.

Momentan teilweise nicht einmal das.

Und genau solche Momente machen etwas mit mir.

Ich kann laufen – aber mein Körper bezahlt dafür einen Preis

Dazu kommt meine Hüfte beziehungsweise mein Bein.

Nach meiner Tumoroperation kann ich nicht mehr so laufen wie vorher. Bei der Operation wurde mir ein proximaler Femurersatz eingesetzt. Vereinfacht gesagt ersetzt dieses Implantat meine Hüfte und einen großen Teil meines Oberschenkelknochens.

Ich bin unglaublich froh darüber, dass ich damit überhaupt laufen kann.

Das möchte ich bei allem, was ich hier schreibe, nicht vergessen.

Aber mein Gang hat sich verändert. Muskeln wurden geschädigt, teilweise fehlt mir Gefühl und ich humpele. Dadurch laufe ich leicht schief.

Und dieser schiefe Gang wirkt sich wiederum auf meinen ohnehin angeschlagenen Rücken aus.

Mittlerweile fängt auch mein Knie an, Probleme zu machen.

Es ist manchmal wie eine Kettenreaktion: An einer Stelle funktioniert etwas nicht richtig und dafür muss eine andere Stelle mehr ausgleichen. Irgendwann meldet die sich dann ebenfalls.

Und dann sind da diese scheinbar einfachen Dinge

Was mich daran psychisch teilweise am meisten beschäftigt, sind gar nicht unbedingt die großen Sachen.

Es sind die kleinen Situationen im Alltag.

Staubsaugen zum Beispiel.

Für viele Menschen ist das wahrscheinlich eine völlig belanglose Tätigkeit. Staubsauger holen, durchsaugen, fertig.

Für mich ist das nicht einfach mal schnell erledigt.

Oder mein Garten.

Ich liebe meinen Garten. Gleichzeitig kann er mir ziemlich gnadenlos zeigen, was ich körperlich alles nicht mehr so machen kann, wie ich es gerne würde.

Und genau das tut manchmal weh.

Nicht unbedingt im Rücken.

Sondern im Kopf.

Denn ich weiß noch sehr genau, was früher alles möglich war. Und ich sehe gleichzeitig, wo heute meine Grenzen liegen.

Diese Grenzen zu akzeptieren, ist für mich wahrscheinlich eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt.

Über die Psyche muss ich genauso offen sprechen

Ich gehe seit mittlerweile fünf Jahren zum Psychologen.

Und ich finde es wichtig, auch das offen zu sagen.

In den vergangenen Jahren ist gesundheitlich sehr viel passiert. Operationen, Schmerzen, Krankenhausaufenthalte, meine Behinderungen und die Veränderungen meines Körpers hinterlassen eben nicht nur körperliche Spuren.

Bei mir kamen Panikattacken, Ängste und Schlafstörungen dazu.

Vieles davon habe ich gemeinsam mit meinem Psychologen aufgearbeitet und gelernt, besser damit umzugehen.

Aber aufgearbeitet bedeutet nicht automatisch, dass etwas für immer verschwunden ist.

Gerade in Phasen wie jetzt merke ich das.

Wenn körperlich mehrere Dinge gleichzeitig schlechter laufen und ich ständig das Gefühl habe, gerade funktioniert überhaupt nichts, kommen alte Ängste wieder stärker hoch.

Und dann fängt mein Kopf an, Dinge durchzuspielen, die eigentlich noch Jahre entfernt sind.

Eine Operation, die vielleicht erst in Jahren kommt – aber heute schon in meinem Kopf stattfindet

Ich weiß, dass mein Implantat irgendwann ausgetauscht werden muss.

Vielleicht in fünf Jahren. Vielleicht in acht. Vielleicht auch anders – das wird letztendlich die medizinische Situation zeigen.

Eigentlich müsste ich mir heute darüber noch überhaupt keinen Kopf machen.

Tja.

Erzählt das mal meinem Kopf.

Denn natürlich weiß ich, was ein solcher Eingriff für mich bedeuten kann.

Wieder eine Operation.

Wieder Krankenhaus.

Wieder Reha.

Und möglicherweise wieder lernen, vernünftig zu laufen.

Wenn es mir gut geht, kann ich diesen Gedanken relativ weit wegschieben.

In Phasen wie momentan funktioniert das deutlich schlechter.

Dann denke ich darüber nach, was ich heute schon nicht mehr kann – und gleichzeitig weiß ich, dass mein Körper in Zukunft wahrscheinlich nicht plötzlich einfacher werden wird.

Das macht mir Angst.

Und ich glaube, ich darf das auch so sagen.

Ich bin Rentner – und auch das beschäftigt mich

Seit vier Jahren bin ich Rentner.

Ich erwirtschafte also kein normales Einkommen mehr durch einen Beruf.

Auch das ist etwas, worüber man nicht unbedingt gerne spricht. Denn Arbeit bedeutet für viele Menschen nicht nur Geld. Sie bedeutet auch Selbstständigkeit, Aufgabe und das Gefühl, etwas beizutragen.

Ich habe großes Glück mit meiner Frau.

Ohne sie wüsste ich manchmal wirklich nicht, wie ich das alles stemmen sollte.

Und gleichzeitig möchte ich natürlich nicht das Gefühl haben, dass sie alles auffangen muss, was ich nicht mehr kann.

Auch solche Gedanken gehören zur Wahrheit einer chronischen Erkrankung und Schwerbehinderung.

Ausgerechnet meine Inkontinenz gibt mir momentan etwas zurück

Das klingt vielleicht erst einmal ziemlich verrückt.

Aber ausgerechnet ein Thema, das mir über viele Jahre so viele schwierige Situationen beschert hat, hilft mir momentan auch.

Ich mache auf TikTok und Instagram Content über meine Inkontinenz.

Ich spreche darüber, zeige meinen Alltag und versuche, dieses Thema aus der Tabuecke herauszuholen.

Und wisst ihr was?

Das tut mir gut.

Nicht, weil meine Inkontinenz dadurch plötzlich toll wäre.

Sondern weil es etwas ist, das ich machen kann.

Wenn ich ein Video plane, drehe oder mich mit anderen Betroffenen austausche, beschäftigt sich mein Kopf für eine Weile nicht mit meiner Hüfte, meinem Rücken, meinem Knie oder irgendeiner Operation, die vielleicht irgendwann auf mich zukommt.

Ich habe eine Aufgabe.

Und manchmal ist genau das unglaublich viel wert.

Kämpfer sein bedeutet für mich nicht, niemals Angst zu haben

Wer meine Geschichte kennt, weiß, dass ich schon einiges hinter mir habe.

Und ja, ich sehe mich als Kämpfer.

Aber ich möchte diesen Begriff nicht falsch verstanden wissen.

Ein Kämpfer zu sein bedeutet für mich nicht, jeden Morgen aufzustehen und zu sagen:

„Geil, nächste Herausforderung!“

Ganz sicher nicht.

Manchmal habe ich Angst.

Manchmal bin ich genervt.

Manchmal macht mich mein eigener Körper wahnsinnig.

Und manchmal würde ich gerne einfach einen ganz normalen Tag erleben, an dem ich nicht darüber nachdenken muss, welcher Teil meines Körpers heute wieder beschlossen hat, nicht richtig mitzumachen.

Das darf sein.

Stärke bedeutet für mich nicht, diese Gedanken wegzulächeln.

Stärke bedeutet, trotzdem weiterzumachen.

Im Moment ist es schwierig. Vielleicht schwieriger, als ich es nach außen manchmal zeige.

Aber ich habe in meinem Leben schon Situationen bewältigt, bei denen ich vorher nicht wusste, wie ich sie schaffen soll.

Und deshalb weiß ich eines: Auch diese Phase werde ich bewältigen.

Vielleicht nicht jeden Tag mit einem Lächeln.

Vielleicht auch mal fluchend.

Aber ich werde weitermachen.

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