Leben mit Inkontinenz – mein kompletter Alltag

Wie sieht eigentlich ein ganz normaler Alltag mit Inkontinenz aus?

Diese Frage lässt sich wahrscheinlich nicht für jeden Menschen gleich beantworten. Jeder hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Herausforderungen und seine eigene Art, mit dem Thema umzugehen. Ich lebe mittlerweile seit 21 Jahren mit meiner Inkontinenz und habe im Laufe der Zeit meinen ganz persönlichen Weg gefunden.

Vieles läuft heute automatisch ab. Trotzdem ist natürlich nicht jeder Tag gleich.

Mein Tag beginnt meistens um 4 Uhr

Ja, mein Schlafrhythmus ist ziemlich crazy. 😄

In den meisten Fällen stehe ich gegen 4 Uhr morgens auf. Wenn ich wach werde, ist mein erster Blick auf meine Bettschutzauflage gerichtet.

Denn es kann durchaus vorkommen, dass ich nachts auslaufe, ohne davon wach zu werden. Deshalb ist dieser kurze Check für mich wichtig. Falls etwas passiert ist, kann ich die Bettschutzauflage direkt austauschen und alles wieder in Ordnung bringen.

Über solche Nächte und was es bedeutet, wenn trotz aller Vorbereitung etwas daneben geht, habe ich auch schon ausführlicher geschrieben: „Wenn die Nacht mich wieder wachspült“.

Danach führt mein erster Weg ins Bad.

Dort wird erst einmal die Inkontinenzwindel gewechselt. Anschließend geht es unter die Dusche, ich wasche mich und creme mich danach ein.

Meine Pflege ist über die Jahre zu einer festen Routine geworden. Wie das bei mir genau abläuft, habe ich in „Meine tägliche Pflegeroutine bei Inkontinenz – die Checkliste“ ausführlicher beschrieben.

Im Regelfall schaffe ich diese Dinge alleine. Es gibt aber natürlich auch Tage, an denen ich Hilfe brauche. Und dann bekomme ich diese Hilfe auch.

Für mich gehört das mittlerweile einfach zu meinem Alltag.

Etwa fünf Wechsel am Tag

Im Durchschnitt muss ich meine Versorgung ungefähr fünfmal am Tag wechseln.

Natürlich gibt es auch Tage, an denen es deutlich häufiger notwendig ist. Gerade wenn eine Magen-Darm-Geschichte dazukommt, kann sich der ganze Tagesablauf schnell verändern.

Das ist etwas, das man mit der Zeit lernt: Man kann seinen Alltag planen, aber nicht alles kontrollieren.

Deshalb ist es für mich wichtig, immer vorbereitet zu sein.

Meine Tasche ist immer dabei

Egal, ob ich nur fünf Minuten unterwegs bin oder für mehrere Stunden das Haus verlasse – meine Tasche ist immer dabei.

Eine gute Freundin hat sie mir sogar extra nach meinen persönlichen Bedürfnissen genäht. Und genau deshalb ist sie für mich ein unglaublich wichtiger Begleiter im Alltag.

In meiner Tasche befinden sich immer mindestens:

- drei Ersatzwindeln
- Feuchttücher
- Cremes
- eine Ersatzhose
- kleine geruchsdichte Mülltüten

Damit bin ich auf viele Situationen vorbereitet.

Natürlich kann man nie jede mögliche Situation vorhersehen. Aber allein zu wissen, dass ich meine wichtigsten Dinge dabeihabe, gibt mir Sicherheit.

Was genau ich in meiner Tasche dabeihabe und warum sie mir unterwegs so viel Sicherheit gibt, erzähle ich in „Was ist eigentlich in meiner Inkontinenz-Tasche? – Ohne sie gehe ich nicht aus dem Haus“.

Wo ist die nächste Toilette?

Wenn ich Freunde besuche oder an Orte gehe, an denen ich regelmäßig bin, kenne ich meistens jede Toilette in der näheren Umgebung. 😄

An bekannten Orten weiß ich also genau, wo ich im Notfall wechseln kann.

An neuen Orten ist das natürlich etwas schwieriger. Deshalb nutze ich eine Toiletten-App, die mir hilft, schnell eine Möglichkeit zum Wechseln zu finden.

Zusätzlich habe ich einen Euro-WC-Schlüssel. Das erleichtert vieles enorm.

Gerade unterwegs kann eine passende und schnell erreichbare Toilette einen großen Unterschied machen. Deshalb gehört dieses Thema für mich einfach zur Planung dazu.

Nicht, weil ich dadurch mein Leben komplett einschränke – sondern weil ich gelernt habe, mich auf meinen Alltag vorzubereiten.

Die Nacht ist manchmal eine Herausforderung

Nachts ist das Ganze noch einmal etwas anders.

Man liegt schließlich nicht die ganze Nacht starr auf dem Rücken. Man bewegt sich, dreht sich und verändert ständig seine Position. Dadurch steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass etwas ausläuft.

Deshalb sind für mich Produkte in der richtigen Größe besonders wichtig.

Auch Bettschutzauflagen gehören bei mir zum Alltag. Sie geben mir einfach zusätzliche Sicherheit.

Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass ich nachts wechseln muss.

Das gehört dazu und ist für mich mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr.

Natürlich wäre es schön, einfach schlafen zu können, ohne darüber nachdenken zu müssen. Aber nach 21 Jahren habe ich gelernt, mit solchen Situationen umzugehen.

Nicht jeder Tag ist gleich

Die Belastung durch meine Inkontinenz hält sich heute tatsächlich in Grenzen.

Das liegt vor allem daran, dass ich nach 21 Jahren unglaublich viel Erfahrung gesammelt habe. Viele Dinge laufen inzwischen ganz automatisch.

Ich denke nicht mehr ständig über jeden einzelnen Schritt nach.

Aber natürlich gibt es auch heute noch Situationen, die stressig werden können.

Besonders dann, wenn ich unter vielen fremden Menschen bin und es zu einem Stuhlunfall kommt.

Gerade meine Stuhlinkontinenz kann Situationen innerhalb weniger Augenblicke komplett verändern. Wie unberechenbar das manchmal sein kann, habe ich auch in „Wenn der Darm macht, was er will – und ich versuche mitzuhalten“ beschrieben.

Der Stress entsteht dabei für mich nicht unbedingt wegen des Unfalls selbst.

Sondern eher durch die Situation.

Wenn viele fremde Menschen um mich herum sind, möchte man natürlich möglichst schnell aus dieser Situation heraus. Man möchte einen ruhigen Ort finden und sich in Ruhe versorgen können.

Das sind Momente, in denen ich auch heute noch Stress empfinde.

Aber auch damit habe ich gelernt umzugehen.

Nach 21 Jahren gehört die Inkontinenz zu meinem Leben

Alles in allem komme ich heute sehr gut mit meiner Inkontinenz klar.

Das war sicherlich nicht immer so.

Aber mein offener Umgang mit dem Thema hat vieles einfacher gemacht. Vor allem aber war es für mich wichtig, die Inkontinenz selbst zu akzeptieren.

Dieser offene Umgang war allerdings nicht von Anfang an selbstverständlich. Warum ich nach 21 Jahren heute so offen über meine Inkontinenz spreche, habe ich in „21 Jahre Inkontinenz – und warum ich heute offener darüber rede als über meinen Musikgeschmack“ ausführlicher erzählt.

Sie ist mittlerweile ein Teil von mir.

Ich habe gelernt, mit ihr zu leben, anstatt ständig gegen sie anzukämpfen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass ich sie toll finde oder dass es keine schwierigen Tage gibt.

Aber ich habe aufgehört, mein gesamtes Leben von ihr bestimmen zu lassen.

Und genau das hat für mich einen großen Unterschied gemacht.

Was ich frisch Betroffenen mitgeben möchte

Wenn ich jemandem, der gerade erst mit Inkontinenz betroffen ist, etwas mitgeben könnte, dann wäre es Folgendes:

Lasst euch nicht zu sehr von euren eigenen Gedanken einschränken.

Was denken andere?

Was ist, wenn jemand etwas merkt?

Was ist, wenn etwas passiert?

Diese Gedanken können unglaublich viel Raum im eigenen Kopf einnehmen. Und sie können dazu führen, dass man sich immer weiter zurückzieht und Dinge vermeidet, die man eigentlich gerne machen würde.

Diese Angst davor, dass andere etwas bemerken oder wie sie reagieren könnten, kenne ich selbst sehr gut. In „Nicht immer hat man ein dickes Fell – und warum Offenheit bei Inkontinenz Mut braucht“ habe ich darüber noch einmal ganz persönlich geschrieben.

Natürlich ist das leichter gesagt als getan.

Aber irgendwann muss man für sich selbst einen Weg finden, die Situation zu akzeptieren.

Denn für mich war genau das der erste Schritt.

Der erste Schritt zu einem offeneren und unbeschwerteren Umgang mit meiner Inkontinenz.

Ich lebe mit Inkontinenz.

Aber die Inkontinenz bestimmt nicht, wer ich bin.

Und sie soll auch nicht bestimmen, wie ich mein Leben lebe.

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